Wenn ich vor einem frisch lackierten Oldtimer stehe, suche ich nicht nur nach dem glänzenden Ergebnis – ich suche nach Hinweisen auf die Arbeit, die dahintersteckt. Eine schöne Lackierung kann ein Auto verwandeln, aber schlechte Vorarbeit verrät sich schnell, selbst wenn die Oberfläche zunächst perfekt aussieht. In diesem Artikel teile ich meine Erfahrung aus Werkstatt und Restaurierung: Wie beurteile ich die Qualität einer Lackierung und welche Fehler verraten schlampige Vorbereitung?
Der erste Blick: Was fällt sofort ins Auge?
Beim ersten Rundgang schaue ich auf Gesamtwirkung und Details. Ein hochwertiger Lack hat eine gleichmäßige Farbtiefe und Reflexion über große Flächen, Übergänge zwischen Bereichen (Kotflügel, Türen, Haube) sind harmonisch. Achte besonders auf:
Diese Dinge sind oft das Ergebnis von Zeitdruck, falscher Spritztechnik oder unzureichender Reinigung vor dem Lackieren.
Oberflächenanalyse aus der Nähe
Ich arbeite mich dann mit näherem Blick vor, manchmal sogar mit einer Lupe oder einer starken Taschenlampe. Dabei interessieren mich:
Die Kante als Wahrheitsfinder
Eine der besten Stellen, um die Qualität zu prüfen, sind Kanten und Innenseiten von Türen, Kofferraumdeckel und Motorhaube. Dort sieht man, wie sorgfältig abgeklebt, angeschliffen und grundiert wurde. Sehr häufige Mängel:
Wenn an diesen kritischen Stellen geschlampt wurde, ist das oft ein Zeichen dafür, dass auch die versteckten Bereiche nicht ordentlich vorbereitet wurden.
Farbton und Lackaufbau
Bei klassischen Fahrzeugen ist der Farbton oft entscheidend für den Wert. Ich vergleiche deshalb sichtbare Bereiche mit Referenzstellen wie Innenseiten der Türrahmen oder unter der Motorhaube, wo Originalfarbe meist erhalten bleibt. Ungenauigkeiten zeigen sich durch:
Ein weiterer Anhaltspunkt ist die Dicke des Lackaufbaus. Profi-Lackierer verwenden Schichten: Rostschutz / Füller / Basislack / Klarlack. Ist eine Schicht zu dünn oder fehlt ganz, merkt man das später an Rissbildung oder schlechter Haltbarkeit.
Haptik und Lackspannung
Ich fahre mit der Hand über die Oberfläche: ein gleichmäßiges, samtiges Gefühl spricht für guten Klarlack. Wenn der Lack gespannt wirkt oder kleine "Pelltjes" bildet, dann wurden entweder falsche Trocknungszeiten eingehalten oder der Klarlack war mit zu hoher Temperatur appliziert.
Die Rolle der Vorbereitung: Was oft falsch gemacht wird
Aus jahrelanger Restaurierungspraxis kenne ich einige immer wiederkehrende Fehler in der Vorbereitung:
Tabelle: Häufige Lackfehler, Erscheinungsbild und Ursache
| Fehler | Erscheinungsbild | Wahrscheinliche Ursache |
|---|---|---|
| Orangenhaut | Ungleichmäßige kleine Hügel auf der Oberfläche | Falsche Spritzdüse, zu dicke Schichten, unpassende Temperatur |
| Staubeinschlüsse | Kleine Punkte oder Krater | Staub in der Lackierkabine, schlechte Reinigung |
| Lacknasen/Läufer | Vertikale Tropfen oder Verdickungen | Zu viel Material pro Schicht, schlecht kontrollierter Sprühgang |
| Matter Fleck | Mattes Areal im Glanz | Fett/Öl auf der Fläche, unzureichende Entfettung |
| Abplatzen | Lack blättert ab | Fehlerhafte Haftung, Rost darunter, falsche Schichtfolge |
Praktischer Test: Fingernagel- und Klebebandprobe
Ich verwende manchmal einfache Tests, um schnell zu prüfen, wie fest der Lack gebunden ist. Mit dem Fingernagel sanft an einer unauffälligen Stelle kratzen (ohne Verletzung der darunterliegenden Schicht) lässt oft erkennen, ob der Klarlack nur oberflächlich haftet. Ebenso kann ein kleines Stück Malerkrepp helfen: fest aufkleben und mit einer schnellen Bewegung abziehen. Wenn Lackpartikel mitkommen, ist die Haftung schlecht — oft eine Folge ungenügender Entfettung oder falscher Schichtkompatibilität.
Tipps, bevor du bezahlst oder restaurieren lässt
Ich habe schon oft erlebt, wie ein makelloses Äußeres später Probleme zeigte, weil in der Eile bei der Vorbereitung gespart wurde. Guter Lack ist nicht nur Optik — er ist Schutz für Jahrzehnte. Deshalb lohnt es sich, beim Lackierer nicht nur das Endergebnis zu bewundern, sondern in die Details zu schauen und Fragen zu stellen.