Restaurierung

Welche lacktypen sind historisch korrekt für vw käfer und wie vermeide ich fehlfarbene nachbauten?

Welche lacktypen sind historisch korrekt für vw käfer und wie vermeide ich fehlfarbene nachbauten?

Als Schrauber und Restaurator habe ich schon unzählige Käfer in die Hand genommen — vom patinierten Alltagswagen bis zum concours-reifen Showcar. Eine Frage, die immer wieder auftaucht, lautet: Welche Lacktypen sind historisch korrekt für VW Käfer und wie vermeide ich fehlfarbene Nachbauten? Ich schildere hier meine Erfahrungen, Praxistipps und Methoden, die ich bei eigenen Projekten und Kundenfahrzeugen anwende.

Grundsätzliches: Lacktyp vs. Farbton

Wichtig ist, zwischen Lacktyp (Chemie / Aufbau) und Farbton (die Augenfarbe des Blechkleides) zu unterscheiden. Ein originaler Farbanstrich besteht nicht nur aus der richtigen Farbe, sondern auch aus der richtigen Lacktechnologie. Ein satter Altweiß wird sich anders zeigen, wenn er in modernen 2K-Basecoat/Clearcoat aufgebaut ist statt in einer nitrozelluloselack-Schicht (Nitrolack), wie sie viele Käfer ursprünglich trugen.

Zeitleiste der gebräuchlichen Lackarten beim VW Käfer

Periode Häufiger Lacktyp Eigenschaften
1940er–1960er Nitrozellulose- bzw. Nitrolack (Cellulose) Glanzvoll, vergilbt mit der Zeit, schnell zu polieren, weniger dauerhaft
1950er–1970er Säureharz / Alkyd / Nitro-Varianten robuster als reine Nitrolacke, oft in Werkstätten verwendet
ab ca. 1970er 1K/2K Kunstharz- und Polyurethanlacke sehr haltbar, glänzend, oft bei Nachlackierungen
ab 1990er (Restaurationen) Moderne 2K-Lacksysteme, Wasserbasis-Systeme, Glasurit Classic Refinish sehr langlebig, farbtreu, aber nicht immer original in Aufbau oder Oberfläche

Warum die alte Technik wichtig ist

Der richtige Lacktyp beeinflusst:

  • das Oberflächenbild (Glanz, Tiefe, Orangenschalen)
  • die Alterungserscheinungen (Vergilbung, Schrumpfen, Rissbildung)
  • die Haptik beim Polieren und die Optik bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen

Ein Käfer mit originalem Nitrolack hat eine andere Patina als ein identisch farbiger Wagen, der modern im 2K-System lackiert wurde. Für eine authentische Restaurierung ist beides zu berücksichtigen: Farbe und Aufbau.

Wie erkenne ich den originalen Lacktyp und die originale Farbe?

Ich arbeite in der Regel nach folgendem Schema:

  • Typenschild & Produktionsdaten prüfen: Viele frühe Käfer haben Farbcodes auf dem Typenschild oder in den Fahrzeugpapieren. Diese Codes sind der erste Anhaltspunkt.
  • Farbfächer & Originalkarten: VW-Farbkarten der jeweiligen Baujahre sind Gold wert. Anbieter wie Glasurit, Standox oder BASF bieten historische Farbfächer an.
  • Altbestand untersuchen: Wenn möglich, ein Stück des Ur-Lacks freilegen und analysieren (Querschliff beim Lackierer).
  • Spektralfotometer: Bei kniffligen Fällen messe ich den Ton mit einem Spektralfotometer und vergleiche anschließend mit Mustern — aber Vorsicht: gealterte Lacke weichen optisch stark ab.
  • Laboranalyse: Für High-End-Restaurierungen lasse ich Lackschichten chemisch analysieren (z. B. beim Lacklabor); dabei lässt sich häufig der genaue Typ bestimmen.

Praktische Tipps, um fehlfarbene Nachbauten zu vermeiden

  • Originalproben sichern: Wenn der Wagen noch ursprüngliche Stellen hat (Kofferraumboden, Türfalze, Motorraum), entnehme ich kleine Proben oder dokumentiere Farbreste fotografisch.
  • Farbkarten mitführen: Farben im Tageslicht vergleichen. Autolacke sehen bei Kunstlicht oft anders aus.
  • Aufbau beibehalten: Wenn der Wagen original in Nitrolack war, empfehle ich — sofern authentisch gewünscht — entweder diesen Aufbau nachzubilden mit modernen Reprodukten oder spezialisierten Produkten aus der klassischen Linie (z. B. Glasurit 70er Classic-Rezepturen).
  • Patina respektieren: Bei originaler Lacksubstanz ist oft weniger mehr. Eine schonende Konservierung ist authentischer als eine komplette Neulackierung in einem vermeintlich „korrekten“ Farbton.
  • Keine RAL-Fixierung: Viele denken in RAL, aber VW-Farben sind eigene Mischungen. Verlasse dich auf VW-Farbnummern und historische Muster.
  • Bei externen Lackierern Musterlackierungen verlangen: Lasse Farbmuster auf originalem Blech herstellen und betrachte sie in Tageslicht, Nachmittagslicht und Schatten, bevor du die komplette Karosse freigibst.
  • Auf Clearcoat verzichten, wenn nötig: Viele klassische Käfer hatten keinen modernen Klarlack. Ein Klarlack kann die Optik verändern — more glossy, deeper black — das ist nicht immer erwünscht.

Produkte und Hersteller, die ich empfehle

Im Restaurationsalltag haben sich einige Lieferanten bewährt:

  • Glasurit — bietet eine Classic Collection und Mischdaten, die historisch gut recherchiert sind.
  • Standox — ebenfalls gute Reproduktionsdaten, oft in Werkstätten verfügbar.
  • BASF/R-M — hat alte Farbformeln und moderne Umsetzungsmöglichkeiten.
  • Speziellere Quellen: Kleine Betriebe oder Farbmanufakturen, die sich auf Oldtimer spezialisiert haben und Originalmischungen aus VW-Archivdaten anbieten.

Ich selbst arbeite oft mit Glasurit für High-End-Restaurierungen, weil die Mischrezepturen historisch fundiert sind und die Lacke technisch sauber zu verarbeiten sind. Wenn es darum geht, die Optik des Originals zu erhalten, ist das für mich wichtiger als die vermeintlich „härtere“ Haltbarkeit moderner Systeme.

Typische Fehler und wie man sie vermeidet

  • Fehler: Moderne 2K-High-Gloss-Optik — Vermeidung: Keine Vollflächen-Neulackierung in modernen Systemen ohne Absprache.
  • Fehler: Zu helle oder zu gesättigte Nachmischungen — Vermeidung: Immer Muster auf Originalblech prüfen; gealterte Lacke haben weniger Sättigung.
  • Fehler: Blind auf RAL/Wunschfarbe verzichten — Vermeidung: Farbe über VW-Code, Musterfächer und Spektrometer abgleichen.
  • Fehler: Clearcoat auf Cars, die original matt oder seidenmatt waren — Vermeidung: Aufbau der Originalschichten studieren.

Meine Vorgehensweise bei einem neuen Restaurationsprojekt

Ich beginne immer mit einer Bestandsaufnahme: Was ist original? Welche Patina ist erhaltenswert? Danach kommt die Farb- und Schichtanalyse. Erst wenn Farbe, Aufbau und Zielbild klar sind, gebe ich die Jobs an Lackierer und Karosseriebauer. Bei kritischen Fällen lasse ich Proben im Labor untersuchen und fertige mehrere Farbmuster an.

Wenn du deinen Käfer authentisch erhalten möchtest, halte am besten eine Kopie der Fahrzeugpapiere, alte Fotos und, wenn möglich, einen Ausschnitt originallackierter Stellen bereit. Das erspart viele Fehlentscheidungen. Und wenn du willst, kannst du mir Fotos und Infos schicken — gemeinsam finden wir heraus, ob dein Wagen eine behutsame Konservierung oder eine historisch korrekte Neulackierung braucht.

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