Wenn ich mir ein angebotenes Mercedes W124 anschaue, ist eine der ersten Fragen: Sind Federung und Dämpfung noch werksoriginal oder wurde bereits auf Aftermarket-Teile oder gar Polyurethan umgerüstet? Für einen Klassiker wie den W124 beeinflusst das nicht nur Fahrkomfort und Originalität, sondern auch Wert und Alltagstauglichkeit. Im Folgenden schildere ich meine praktische Checkliste und die typischen Merkmale, die ich vor Ort prüfe — Schritt für Schritt, simpel erklärt und mit Tipps zum Verhandeln.
Sichtprüfung von außen: Was sofort auffällt
Bevor ich das Auto aufbocke oder eine Probefahrt mache, beginnt die Inspektion von außen. Dabei achte ich auf folgende Dinge:
Allgemeiner Fahrwerkseindruck: Sitzt das Auto waagrecht oder zeigt es sichtbares Sag (eine Seite tiefer als die andere)? Ungleichmässigkeiten deuten auf Federbruch, unterschiedliche Dämpferqualitäten oder abgesackte Federn hin.Radkästen und Reifenfreigang: Wenn die Radläufe erweitert, Kanten nachbearbeitet oder Kotflügel verändert wurden, kann das auf Veränderungen am Fahrwerk hinweisen.Optik der Stoßdämpfergarnitur: Sichtbare Dämpfergehäuse lassen sich oft durch den Spritzschutz oder von unten betrachten — manche Ersatzdämpfer haben auffällige Farben (z. B. blau bei Bilstein, gelb bei Koni, silber/blau bei Sachs), während orig. Mercedes-Dämpfer häufig unauffälliger schwarz lackiert und mit Marken-/Teilenummern gekennzeichnet sind.Unterboden & Montagepunkte: Detektivarbeit mit Taschenlampe
Mit einer Taschenlampe schaue ich unter das Auto:
Befestigungspunkte der Dämpfer: Sind die Muttern neu oder gammelig? Frisch ausgetauschte Muttern ohne Patina können auf kürzliche Wechsel hindeuten.Teilenummern und Prägungen: Originalteile tragen oft Mercedes-Stern, OEM-Nummern oder Markennamen (Sachs, Bilstein). Ich notiere sichtbar geprägte Nummern; sie lassen sich später mit Teilekatalogen abgleichen.Rubberlager und Gummimetallbuchsen: An Querlenkern, Stabilisator und Federaufnahmen. Originalgummi ist meist matter, poröser und nicht glänzend. Neue Polyurethanbuchsen sind oft kräftiger gefärbt, haben einen glatten Glanz und fühlbar höhere Steifigkeit.Die Handprobe: Gummi prüfen ohne Spezialwerkzeug
Handarbeit ist bei alten Wagen Gold wert. Ich taste, drücke und drehe an den relevanten Bauteilen:
Querlenkerbuchsen: Mit Bremsenreiniger einsprühen und dann mit der Hand am Rad spielen (Lösen mit Radlagerspielprobe). Spürbares Spiel deutet auf ausgeleierte Gummibuchsen oder Lager hin.Stabilisatorbuchsen: Mit einem Schraubendreher leicht hebeln — wenn die Gummibuchse weich nachgibt, ist sie eher original/verschlissen. Harte, spröde oder sehr feste Buchsen sind meist nachgerüstet (PU).Federauflagen und Gummipuffer: Lose, eingerissene Gummis sind defekt, glatt und neu aussehende Gummis können Ersatz sein.Stoßdämpfer prüfen: Sicht- und Funktionsprüfung
Ein Stoßdämpfer kann äußerlich unauffällig sein und trotzdem unreparierbar. Ich verwende zwei Methoden:
Visuelle Kennzeichen: Ölspuren am Dämpfer, ausgefranste Staubschutzmanschetten oder Rost an der Kolbenstange sind schlechte Zeichen. Original-Ölverlust ist bei Gasdruckdämpfern weniger häufig - Ölfilm heißt meist Austausch nötig.Rebound-Test am freistehenden Rad: Ich drücke das Fahrzeugheck oder die Front kräftig nach unten und lasse los. Das Auto sollte gleichmäßig zurückschnellen und in einer Schwingung abklingen. Mehrere kräftige Schwingungen deuten auf verschlissene Dämpfer.Probefahrt: Akustik, Komfort und Fahrverhalten
Die Probefahrt ist oft das aufschlussreichste Kapitel:
Geräusche: Klappern, metallisches Schlagen beim Überfahren von Unebenheiten deutet auf ausgeschlagene Gummilager oder losen Montagepunkt hin. Ein dumpfes „Ploppen“ kann defekte Domlager sein.Kurvenverhalten: Starkes Wanken oder unruhiges Einlenken kann an unterschiedlichen Dämpferkennlinien (z. B. links neu, rechts alt) oder an nachgerüsteten härteren Buchsen liegen.Richtungsstabilität: Der W124 ist von Haus aus sehr stabil. Wenn das Auto schwammig wirkt, sind oft Dämpfer oder Stabigummis schuld.Teilenummern, Stempel und Datumskennungen
Wenn möglich, notiere ich alle sichtbaren Nummern auf Dämpfern, Domlagern und großen Buchsen. Typische Hinweise:
Originalteile tragen gelegentlich das Mercedes-Logo oder klingen wie OEM-Nummern mit „124“ im Präfix — das ist kein Garant, aber ein Indiz.Marken wie Sachs, Bilstein und Koni waren häufig Lieferanten für Mercedes und wurden auch als Erstausrüster verbaut. Ein Sachs-Dämpfer mit Mercedes-Prägung kann also original sein.Datumsstempel auf der Kolbenstange (Woche/Jahr) geben Aufschluss über Alter — ein Dämpfer aus den 90ern ist originaler als einer aus 2020.Unterscheidung: Originalgummi vs. Polyurethan
Viele Umbauten nutzen Polyurethanbuchsen, die Vor- und Nachteile haben. So erkenne ich sie:
Haptik: Polyurethan ist härter, springt leicht zurück, fühlt sich „Gummi-artig, aber fest“ an. Originalgummi ist weicher, oft rissig und weniger elastisch.Aussehen: PU-Buchsen wirken oft glatter und gleichmäßiger eingefärbt (z. B. blau, rot oder naturfarben). Original sieht matter, teilweise porig und schwarz aus.Geräusch: PU kann Klacker- oder Poltergeräusche erzeugen, besonders wenn nicht richtig geschmiert.Wenn ich tiefer gehen will: Ausbau & Messung
Manchmal lässt sich nur durch Ausbau sicher entscheiden. Wenn der Verkäufer zustimmt oder ich die Werkstatt habe, mache ich:
Demontage eines Querlenkers, um die Buchse auf Bruch, innenliegenden Metallkäfig und Prägungen zu prüfen.Messen des Dämpferhubes und Vergleich mit Originalwerten aus Werkstatthandbüchern.Durometermessung (Härteprüfer) für Gummibuchsen — ein klarer Indikator, aber selten beim Kauf möglich.Praktische Tipps fürs Verhandeln
Wenn das Fahrwerk nicht original ist oder Teile verschlissen sind, nutze ich diese Argumente:
Kostenpunkt realistisch einschätzen: Ein Satz OEM-Dämpfer (z. B. Sachs original) plus Arbeitszeit schlägt mit mehreren Hundert Euro zu Buche. PU-Umbau kann teurer sein und den Originalzustand mindern.Teilreparatur als Deal: Biete an, den Kaufpreis anzupassen, oder verlange, dass defekte Dämpfer/ Buchsen vor Übergabe ersetzt werden.Dokumentation verlangen: Service-Rechnungen oder Einbaubelege geben Sicherheit über Frische und Qualität der Teile.Beim W124 lohnen sich Geduld und genaues Hinsehen. Viele Autos wurden über die Jahrzehnte mal repariert oder „optimiert“ — das ist nicht automatisch schlecht, aber es sollte transparent sein. Wenn du möchtest, kann ich dir anhand von Fotos eines konkreten Angebots zeigen, welche Hinweise ich sehe und wie ich sie bewerte.