Restaurierung

Woran erkenne ich eine originale interieurrestauration beim mercedes w123?

Woran erkenne ich eine originale interieurrestauration beim mercedes w123?

Als Schrauber und Restaurator habe ich über die Jahre unzählige Mercedes W123 von außen und innen gesehen — vom patinierten Alltagsschoner bis zur penibel rekonstruierten Restauration. Wenn ich gefragt werde: »Woran erkenne ich eine originale Interieurrestauration beim Mercedes W123?«, antworte ich inzwischen nicht mehr mit Bauchgefühl allein, sondern mit einer Checkliste aus Erfahrung, Dokumenten- und Materialprüfung sowie einigen Tricks, die sich in der Praxis bewährt haben. In diesem Text teile ich diese Herangehensweise mit euch — pragmatisch, persönlich und mit dem Blick für Details, die oft übersehen werden.

Warum »original« überhaupt wichtig ist

Für viele Besitzer bedeutet »original« Authentizität: richtige Materialien, korrekte Farben, passende Nahtbilder und montagegerechte Details. Bei Verkaufs- oder Wertfragen macht eine originalgetreue Interieurrestauration oft den Unterschied. Als Restaurator sehe ich aber noch etwas anderes: eine originalgetreue Ausführung respektiert die Konstruktion und erleichtert spätere Reparaturen — und das freut die nächste Generation Schrauber.

Erste Sichtprüfung: das Gesamtbild

Beim ersten Blick ins Auto bewerte ich Licht, Farbe und Proportionen. Ein authentisch restaurierter Innenraum wirkt ruhig und stimmig. Auffällige Farbabweichungen zwischen Sitzbezug, Türverkleidung und Armaturentafel sind ein Warnsignal. Gleiches gilt für unpassende Nähte, modern wirkende Stoffe oder zu neue Zierteile.

Konkrete Prüfpunkte

Ich gehe im Innenraum immer nach derselben Reihenfolge vor — Sitze, Türverkleidungen, Teppiche, Himmel, Armaturen und schließlich Kofferraum. Folgende Punkte beachte ich besonders:

  • Sitzbezüge und Nahtbild: Originalbezüge (Stoff, Leder oder Kunstleder MB-Tex) haben bestimmte Nahtmuster und eine charakteristische Kederführung. Bei Lederausstattung ist die Porung und das Alterungsbild wichtig: echtes Leder zeigt im richtigen Maß Patina, aber bei einer glaubhaften Restaurierung wird feines Finish und Struktur nachgebildet.
  • Schaumstoff und Federkern: Originale Schaumstoffdichten und Federkerne geben die charakteristische Sitzform. Neue Foam-Materialien sind oft zu weich oder zu homogen. Ich drücke die Polster mechanisch und messe gegebenenfalls die Stärke und Elastizität.
  • Türverkleidungen und Befestigungen: Mercedes nutzte spezifische Clips, Starrschrauben und Blechmuttern. Fehlende Innenraum-Clips oder moderne Ersatzteile sind ein Hinweis auf Nacharbeit. Ich schaue hinter die Verkleidung (wenn möglich) nach Nietbild, Isoliermaterial und eventuellen Spuren von Nachschweißungen.
  • Farbtöne: Originalfarbtöne für Interieur (auch Fabrikbezeichnungen) können anhand der Typliste oder dem Datenblatt (auch Scheckheft oder Produktionsschein) überprüft werden. Leichte Farbabweichungen bei Polstern sind normal nach Jahrzehnten, drastische Unterschiede deuten auf Austauschmaterial hin.
  • Teilekennzeichnungen: Viele Innenverkleidungen, Abdeckungen und auch Teppichunterlagen tragen Mercedes-Teilenummern oder Prägungen. Eine saubere, gut lesbare Prägung ist typisch für Originalteile.
  • Verklebungen und Nahtkreuze: Alte Mercedes-Fertigungsweisen verwendeten spezifische Kleber, Nahtabstände und Nähte. Zu kräftiger Kleberauftrag oder sichtbare moderne Heißkleberreste sind ein Indiz für unsachgemäße Restaurierung.
  • Dokumente und Beweise prüfen

    Eine gute Restauration wird oft dokumentiert. Rechnungen von Sattlereien, Fotos von Zwischenschritten, Teilerechnungen und Farbangaben sind Gold wert. Ich habe Fälle gesehen, wo eine vermeintlich »originale« Garnitur nur aus einem Satz moderner Repro-Bezüge bestand — die Rechnung gab sofort Aufschluss. Fragen, die ich stelle:

  • Gibt es Fotodokumentation der Arbeiten?
  • Sind Teilelieferanten oder Sattler genannt (z. B. hochwertige Sattlerei-Betriebe, die mit Mercedes-Kollektionen gearbeitet haben)?
  • Wurden originale Teile wiederverwendet oder nachgebaut? (Belege, Teilenummern)
  • Typische Stellen, die verraten

    Es gibt Bereiche, an denen Restaurationsfehler besonders auffallen:

  • Türfalze und Kantenschutz: Ungenaue Konturen, schlecht gekantete Kanten oder moderne Dichtungen passen nicht.
  • Armaturenbrett: Risse, Nachlackierungen und unpassende Schrauben sind sichtbar. Ein original rekonstruiertes Armaturenbrett hat saubere Passungen und richtige Befestigungsarten.
  • Sitzecken und Kopfstützen: Hier zeigt sich häufig der Unterschied zwischen originalem Schnürbild und moderner Nacharbeit.
  • Teppichränder: Originalteppiche haben typische Versäuberungen und Einfassungen. Moderne Teppichsätze wirken häufig zu aufgesetzt.
  • Materialkunde: Leder, Stoff, Vinyl

    Die W123 kamen in diversen Bezügen: Velours, genarbtes Leder, MB-Tex (vinylartiges Material) und Kombinationsausstattungen. Ich prüfe das Material mit folgenden Methoden:

  • Optische Prüfung der Narbung und der Kanten - echtes Leder franst anders als Kunstleder.
  • Geruchstest: echtes Leder riecht charakteristisch; Kunstleder eher neutral oder chemisch.
  • Wärme- und Feuchtetest: Leder reagiert anders auf Wärme (leicht dunkler werdend) als Vinyl.
  • Marken, die in Restaurierungen oft eine Rolle spielen, sind z. B. Schaumstoff-Hersteller für den passenden Ersatzschaum (ich arbeite gerne mit Dichtheitswerten, die an Werksangaben angelehnt sind) sowie renommierte Sattlereien, die nach Originalmustern arbeiten.

    Tabelle: Merkmale Original vs. nachgefertigt

    Merkmal Original / originalgetreu Nachgefertigt / ungenau
    Nahtbild Gleichmäßig, Mercedes-typische Nahtabstände Unregelmäßig, moderne Stichlängen
    Materialstruktur Passende Narbung, gewachsene Patina Homogene, neue Oberfläche
    Befestigungen Originalclips, korrekte Schrauben Allzweckclips, neue Universalbefestiger
    Dokumentation Rechnungen, Fotos, Teilelisten Keine oder vage Angaben

    Meine Werkstatt-Tipps bei Verdacht

    Wenn ich beim Kauf oder bei einer Begutachtung unsicher bin, gehe ich so vor:

  • Fotografiere alle Details (Nähte, Prägungen, Rückseiten von Verkleidungen).
  • Entferne — wenn möglich — eine Türverkleidung, um Befestigungen, Isolierung und eventuelle Markierungen zu sehen.
  • Vergleiche mit Original-Fotos aus Werkstatthandbüchern oder Original-Innenraumkatalogen. Kleine Unterschiede werden so sichtbar.
  • Ziehe Experten oder eine erfahrene Sattlerei hinzu. Gute Sattler kennen Originalabstände und Materialoptionen sehr genau.
  • Zuletzt: eine originalgetreue Interieurrestauration ist nicht immer das Ziel jedes Besitzers. Manchmal ist Komfort oder Budget entscheidend — und das ist okay. Mir geht es darum, euch die Werkzeuge in die Hand zu geben, mit denen ihr bewusst entscheiden könnt: originalgetreu, originalähnlich oder praktisch-modern. Wenn ihr möchtet, schaue ich mir Fotos eures W123 an und gebe konkrete Hinweise, was echt ist und was eher nachgearbeitet wurde — am liebsten mit ein paar Detailaufnahmen der Sitze, Türinnenkanten und des Armaturenbretts.

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